So, jetzt hab ich mir den Film reingezogen. Bitte nicht schlagen. Ich hab sogar beide Teile gesehen, ich geb es zu.
Und hier erlaube ich mir eine kleine schnelle Analyse.
filmisch: recht ordentlich, Kostüme authentisch, Grabungsmethodik passt zur Schliemannmethode, Statisten scheinen wirklich Türken zu sein, Landschaft ist ok…soweit einigermaßen ordentlich gemacht
historisch: jetzt wirds eng, die Kindheit und Jugend Schliemanns ist derart außergewöhnlich, dass man sie in einem kompletten Teil hätte brücksichtigen müssen. Ein armer Halbwaise, der eine Lehre abbricht, nach Argentinien anheuert, Schiffbruch erleidet und dann in den Niederlanden eine Kontorsbotenlaufbahn beginnt mit dem Ergebnis, innerhalb eines Jahres vier Sprachen zu lernen, nach Russland delegiert zu werden, um eine Handelsniederlassung zu eröffnen und der dort innerhalb eines weiteresn Jahres ein eigenes Handelshaus mit großem Erfolg aus dem Boden stammpft… der ist nicht durchschnittlich.
Die im Film dargestellt Geschichte um die Werbung Schliemanns um seine Frau Sophia ist auch ein bißchen überdreht- er hat sie nicht gedrängt, er hat ihr Zeit gelassen, als sie ihn zuerst nicht wollte. sie war 16, als er um sie warb und brauchte ne Menge Zeit, sich mit dem Gedanken anzufreunden. Er ließ sie ihr. Sie schrieben sich Briefe und Sophia lernte freiwillig alles, was ihn interessierte. Die Entscheidung, ihn dann doch zu heiraten, kam von ihr, nicht von ihrem Vater. Ihr Vater hatte sie entgegen den damaligen Gewohnheiten in Griechenland zur Schule gehen lassen und er ließ ihr auch das Recht, selbst zu entscheiden, ob und wen sie heiraten wolle.
Den Hügel Hissarlik hat er dann tatsächlich ausgegraben. Er grub sehr rabiat, durch viele Schichten hindurch und zerstörte unwiederbringlich sämtliche Schichten über Troja- immerhin 12. Leider warf er Scherben und Tongefäße einfach weg, ohne zu dokumentieren, wo er sie gefunden hatte. Heute können wir anhand des Dekors, der Form und des Tons genau sagen, aus welcher Zeit diese Keramik stammt. Er konnte es nicht und daher war es für ihn wertlos. Es wäre anders gegangen, Evans, der Knossos auf Kreta ausgrub, war vorsichtiger und dokumentierte mehr. Die Ausrede der Schliemann-Fans, dass er einer der ersten Archäologen war und es nicht anders konnte, stimmt nicht.
Allerdings war die Ablehnung des Deutschen Archäologischen Instituts und der bornierten Fachlobby mitschuld an seinem schnellen und rabiaten Grabungsstil.
Sein großes Verdienst, die Entwicklung der fächerübergreifenden Archäologie wird im Film gar nicht erwähnt. Auf Schliemann geht die heute noch genutzte Praxis zurück, dass Architekten, Biologen, medizinische Labors, Metallurgen, Keramikfachleute und viele andere zur Forschung herangezogen werden.
Auch ein großes Verdienst Schliemanns war die sofortige Einbeziehung der Öffentlichkeit. Er dokumentierte direkt bei der Grabung für die Öffentlichkeit, was an der Ausgrabungsstätte passierte. Die Leute rissen seine Broschüren den Buchhändlern aus den Händen. Dadurch war auch die Fachöffentlichkeit direkt beteiligt und konnte ihn unterstützen…und das tat sie. Allerdings nur im Ausland.
Schliemann lud mehrmals andere Archäologen und Fachleute auf die Grabungsstätte ein und hielt einen internationalen Kongress ab. Das war sehr beliebt und Franzosen, Engländer, Amerikaner kamen, um mit ihm Fachdiskussionen zu führen und ihre Meinungen zu den Grabungsfunden abzugeben. Wer nicht kam, das waren die Deutschen.
Das Drama um die Außerlandesbringung von Helenas Schmuck ist historisch falsch. Schliemann musste nicht seinen Tod inszenieren, um den Schatz außer Landes zu schmuggeln…allerdings war die wahre Geschichte aber auch abenteuerlich. Er schmuggelte das Zeug auf Umwegen und Ochsenkarren zum Meer, um es dort einzuschiffen.
Fazit: der Film ist ein Abklatsch aller Klischees um Schliemann und damit historisch falsch bis unmöglich.
Unter Archäologen sagt man übrigens heute, Schliemann hat Troja nicht ausgegraben, sondern zerstört ![]()
Ich denke das nicht. Ich denke, es ist gar nicht Troja und damit bin ich mir mit einer Reihe Fachkollegen einig. Wahrscheinlich ist es eine bronzezeitliche Siedlung von vielen, aber dass sie gefunden wurde und dass dieser Fund beweist, dass unter vielen Hügeln in der heutigen Türkei noch einige archäologische Schätze und Städte liegen können, ist ein Gewinn für die Menschheit.
Übrigens hat Homer möglicherweise nicht gelebt. Homer ist kein griechischer Name, er taucht auch nie wieder auf. Es ist höchstwahrscheinlich der Begriff für eine Prosagattung- die homerischen Epen. Die Ilias und die Odyssee sind aus Teilen zusammengeschrieben, die von verschiedenen Autoren und verschiedenen Zeiten stammen müssen. Das kann natürlich ein Mann getan haben, aber über so einen Mann gibt es keine weiteren Zeugnisse als die Epen selbst. Das ist seltsam, da die Epen später vielkopiert waren und viele andere Dichter sich auf sie bezogen. Sie sprechen aber nie von dem Menschen Homer. Seine Lebensdaten werden nie erwähnt, er wird nicht erwähnt, obwohl es damals Historiker gab, die berühmte Leute ihrer Zeit beschrieben.
Sicher ist gar nichts…nur, dass vor 800 vChr., wahrscheinlich um 1250 vChr. ein Krieg gewütet hat und dass eine Kultur unterging- die minoisch mykenische, zu der Troja ohne Zweifel gehörte.
Wo Troja lag, wissen wir aber nicht. Ist es wichtig? Schliemann hat bewiesen, dass in der Nähe des Hellespont eine Stadt lag, die in die Zeit der Epen passt und dass diese Stadt niederbrannte.
Was wird man von uns in 3200 Jahren finden? Was wird man wissen? Dass es nahe der Ostsee ein Land gab, das reich war und das aus irgendwelchen Gründen unterging? Von diesem Blog wird man jedenfalls nichts finden


Cool. Wieder was ausm Internet gelernt
jati am 21. März 2007